Herbsttagung 2011
Noch ist erst ein Anfang gemacht
Gemeinsame Herbsttagung des Zfl und der regionalen Schulentwicklung im Regierungsbezirk Unterfranken thematisiert Chancen und Grenzen des Rechts auf inklusive Bildung.
Würzburg. Die Forderung ist richtig, muss jedoch noch mit Inhalt gefüllt werden: Zu diesem Fazit kamen die Teilnehmer der Tagung „Schule auf dem Weg zur Inklusion“, organisiert vom Zentrums für Lehrerbildung (ZfL) an der Universität Würzburg und der regionalen Schulentwicklungsberatung mit Unterstützung der Regierung von Unterfranken und der Ministerialbeauftragten für Gymnasien, Realschulen und FOS/BOS. 300 Lehrer, Erzieherinnen, Elternvertreter, Bildungsforscher und Mitarbeiter von Behörden diskutierten am 13. und 14. Oktober über Möglichkeiten, Schüler mit Behinderung in die Regelschule zu integrieren. Im Fokus stand die Frage, welchen Einfluss dies auf die schulische Leistungsmessung hat.
Wie knifflig der neue Rechtsanspruch von Schülern ist, unabhängig von Art und Grad ihres Handicaps auf die allgemeine Schule gehen zu dürfen, zeigten die Würzburger Sonderpädagogikprofessoren Dr. Reinhard Lelgemann und Dr. Roland Stein auf. Lelgemann verwies auf den Widerspruch zwischen der „radikalen“ Forderung nach Inklusion und der in den vergangenen Jahren zu beobachtenden, „massiven Outputorientierung“: Noten spielten eine größere Rolle denn je. Stein machte darauf aufmerksam, dass es zeitgleich zur Inklusionsdebatte deutliche „Exklusionstendenzen“ gebe: „Immer mehr Kinder werden auf eine Privatschule geschickt.“
Obwohl die Idee „Inklusion“ weithin für prinzipiell richtig empfunden wird, sind sowohl Eltern- als auch Lehrerschaft in zwei Lager gespalten. „Eltern nicht-behinderter Kinder reagieren mit Sorge, sie fragen sich, ob ihr Kind in einer inklusiven Klasse noch genauso gut lernt“, erläuterte Lelgemann. Eltern behinderter Kind hätten Angst, dass ihr Kind in einer heterogenen Gruppe ausgegrenzt werden könnte. „Doch Prozesse der Ausgrenzung gibt es in jeder Klasse“, entgegnete Christine Primps vom Bayerischen Elternverband mit Verweis auf die aktuellen Debatten über Mobbing in der Schule.
Laut Christa Feineis, Rektorin der Volksschule Buchbrunn bei Kitzingen, sind auch nicht alle Lehrerinnen und Lehrer vom Mehrwert einer inklusiven Bildung überzeugt - zumindest nicht unter den gegebenen Bedingungen. „Viele unserer Lehrerinnen haben Angst vor all den Problemen, die nun auf sie zukommen. Sie finden, dass die Reform zu schnell eingeführt wurde.“ Was der Berliner Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Heinz-Elmar Tenorth gut verstehen konnte. Nach seinen Analysen gibt es „noch keine gute Umsetzungstechnologie“, mit der sowohl der Rechtsanspruch auf inklusive als auch das Recht auf eine individuelle Bildung eingelöst werden könnte.
Braucht es neuartige Instrumente, um ein gemeinsames Lernen in heterogenen Gruppen zu ermöglichen? Nicht in erster Linie, so die Einschätzung von Sonderschulrektor Norbert Zinsmeister von der Kitzinger St.-Martin-Schule. Dringend notwendig sei hingegen mehr Personal: „Der mobile Bereich, den wir gerade haben, reicht sicherlich nicht.“ Damit ging Zinsmeister mit Sascha Schneider von der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam lernen - gemeinsam leben“ konform. Was der Freistaat aktuell Schulen auf dem Weg zur Inklusion zur Verfügung stelle, sei nicht ausreichend, um Kindern mit körperlichem, geistigem oder emotionalem Handicap in inklusiven Klassen gerecht zu werden.
Vorurteile abzustreifen, gelingt bekanntlich in der direkten Konfrontation am besten. Dies gilt nicht zuletzt für das Thema Inklusion. Dass das kooperative Lernen von Schülern mit unterschiedlichen Leistungen sinnvoll sein kann, erfuhren Eltern und Lehrer durch die Kooperationsklasse der Schweinfurter Adolph-Kolping-Schule am Berufsbildungszentrum (BBZ) Münnerstadt. „Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend. Wir bekommen von Schülern und Kollegen sehr positive Rückmeldungen, und die Zahl der Abbrecher ist relativ gering“, so Kooperationsklassenleiter Claus Berger vom BBZ. Auch wenn es einen „deutlich erhöhten“ Aufwand bedeute, werde eine Fortsetzung gewünscht.
Alternative Unterrichtsmethoden, die eine faire Leistungserhebung in inklusiven Klassen ermöglichen, präsentierten Klemens Alfen vom Würzburger Röntgen-Gymnasium und Friedhelm Klöhr vom Olympia-Morata-Gymnasium in Schweinfurt. Offene, vom Lehrer nur noch moderierte Unterrichtsformen ermöglichen es demnach, nicht nur Wissen, sondern auch die Kooperationsfähigkeit und die Gesprächsführungskompetenz von Schülern zu bewerten. Wie wichtig es ist, die Leistung eines jeden Schülers gerecht zu erfassen, legte Dr. Thomas Stern vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung in Klagenfurt dar - schließlich könnten Noten die Lebenschancen junger Menschen verbauen. Birgit Hoyer
Über 300 Menschen diskutierten bei der in enger Kooperation durchgeführten Herbsttagung des ZfL und der regionalen Schulentwicklungsberatung in Würzburg über Strategien der Inklusion (im Bild oben vorne links Gustav Eirich, Abteilungsdirektor der Regierung von Unterfranken im Gespräch mit MdL Rüth). Foto: Birgit Hoyer
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