
Gymnasium Veitshöchheim: Projekt zur geschlechtsspezifischen Leseförderung am Welttag des Buches 2010
Von Jutta Merwald (Fachreferentin Deutsch beim MB für die Gymnasien in Unterfranken)
Unter dem provokativen Motto „Lesen ist männlich?!“ fand am Welttag des Buches,dem 23. April 2010, am Gymnasium Veitshöchheim eine Großveranstaltung statt, die die ganze Schulgemeinschaft mit einband.
Neben einer Podiumsdiskussion zum Rahmenthema wurden 30 Lesecafés und 12 Workshops angeboten, die vor allem die Interessen der Jungen im Auge hatten. Erklärtes Ziel des Projekts war es, der geschlechtsspezifischen Leseförderung Rechnung zu tragen, die seit PISA von gesamtgesellschaftlicher Relevanz ist und verstärkt auf der bildungspolitischen Agenda steht. Weshalb ein nach Geschlechtern differenzierendes Vorgehen derart wichtig ist, wenn es einem um die Steigerung der Lesemotivation zu tun ist, das sollen die der Konzeption des Welttags zugrunde liegenden Vorüberlegungen erhellen.
Vorüberlegungen:
Die Medienpraxis der Jungen und ihre Konsequenzen für die Leseförderung
Dass Mädchen mehr lesen als Jungen, das dürfte nicht weiter erstaunen, ist doch die Anfälligkeit der Jungs für digitale Medien weithin bekannt. Dass nur 10 Prozent der Jungen überhaupt noch Interesse für Bücher zeigen, mag dagegen alarmieren, vor allem wenn man einen Blick auf die Schulleistungsvergleichsstudien der letzten Jahre wirft. Die Leistungsbilanz der Jungen auf dem Gebiet des Lese- und
Textverständnisses bleibt stets weit hinter der der Mädchen zurück. Das nimmt nicht wunder, zumal eine Interdependenz von Leseinteresse und Leseleistung heute nicht mehr in Frage gestellt wird.
Erklärungsmodelle, weshalb gerade in der männlichen Sozialisation der erste
Leseknick beim Übergang von der späten Kindheit zur Pubertät derart dramatisch
ausfällt, gibt es einige:
Eines der überzeugendsten ist jenes, das Lesen als weibliche Kulturpraxis betrachtet, mit der Jungen ab einem Zeitpunkt, zu dem es gilt, eine eigene männliche Identität zu entwickeln, mehr oder minder unbewusst brechen. Es sind die Frauen, die die zentrale Rolle in der frühkindlichen Vorlesepraxis spielen:
Stets bleibt somit infolge der Feminisierung des Erziehungswesens im Bewusstsein der heranwachsenden Jungen das Lesen eine spezifisch weibliche Tätigkeit.Will ein Junge nun seiner männlichen Geschlechterrolle gerecht werden, so muss ersich umso vehementer gegen all das wehren, was er als in erster Linie der weiblichen Welt angehörend kennengelernt hat Es ist das Lesen, vor allem der fiktionalen Literatur, das auf diesem Altar männlicher Identitätsfindung geopfert wird.Männliche Initiation findet vornehmlich über die digitalen Medien statt.
Die Beliebtheit, der sich Bildschirmspiele aller Art erfreuen, ist nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, dass es meist die Väter selbst sind, die ihre Söhne in diese Welt einführen. Elektronische Medien, also Bildschirm- und PC-Spiele, so konstatieren Mediennutzungsstudien der letzten Jahre, befriedigen die Interessenlage männlicher Heranwachsender weit mehr als die fiktionalen Stoffe des Buchmarktes. Zu wenige attraktive männliche Identifikationsobjekte scheint der Buchmarkt zur Verfügung zustellen; zu viele davon befriedigen außerdem vorrangig den pädagogischen Blick der Erwachsenen auf die sich suchenden Jungen, nicht aber die Bedürfnisse der Rezipienten selbst, die der Jungen. Dies mag zum Teil zutreffen, aber ist es nicht vielfach schlichtweg so, dass wir als für die Lesesozialisation Verantwortliche das Angebot von vorneherein eingrenzen auf das aus unserer Sicht literarisch Wertvolle?
Was den rigiden Kriterienkatalogen literarischer Standards nicht entspricht, rangiert gar zu schnell unter dem Verdikt wenig wertvoll bis hin zu Schrott und wird auf die rote Liste verbannt. Eine geschlechtsspezifische Leseförderung, wie sie nun schon seit geraumer Zeit auf der bildungspolitischen Agenda steht, sollte auf eines jedoch tunlichst verzichten, nämlich den literarisch versierten Erwachsenen zum Maß aller Dinge zu erheben und den sich im literarischen Selbstfindungsprozess befindlichen Jugendlichen aus dem Blick zu verlieren.Will ein geschlechtersensibles Vorgehen bei der Förderung der Lesemotivation Erfolg haben, so muss neben dem grundlegenden Gebot doing gender vielerlei bedacht werden:
1. Die Rolle der Vermittler der Lesekultur muss zunehmend anders besetzt werden,nämlich verstärkt männlich: Es gilt die Väter ins Boot zu holen, sie zu ermuntern, mit ihren Söhnen über Literatur in Kontakt zu treten. Der lesende und vorlesende Vater kann als Vorbild fungieren ebenso wie der Lehrer in der Schule, den die Schüler als Physiker, Mathematiker, aber eben auch als Leser erleben dürfen.
2. Eine Leseförderung, die mit aller Macht auf das Buch als das allein selig machende Medium pocht, wird in unserem mulitmedialen Zeitalter zwangsläufig Schiffbruch erleiden.
Das eine tun und das andere nicht lassen, das scheint Gebot einer zeitgemäßen Leseförderung zu sein: Interaktive Programme im Verbund mit Printmedien, die neuen Informations und Kommunikationstechnologien nutzen, das wird vor allem den Präferenzen der Jungen weit mehr entgegenkommen. Den PC gegen das Buch ausspielen, eine solche Strategie kann nicht einmal mehr bei ernst zu nehmenden Wertkonservativen punkten.
3. Die Jugendlichen dort abholen, wo sie stehen, indem man ihre Interessen und Rezeptionsunterschiede ernst nimmt, heißt Angebote machen, die uns Erwachsenen mit ausgereifter Lesebiographie eigentlich widerstehen. Mit anderen Worten: Expositiorische Texte der verschiedensten Art, Comics, Fantasy, Science fiction können durchaus als Еinstiegsdroge im Sinne einer stufenweisen Einführung in die Lesekultur genutzt werden. Von entscheidender Bedeutung ist ja nur, die Jugendlichen nicht dort stehen zu lassen. Mit diesem Votum für eine Ausweitung des literarisch Vertretbaren sind naturgemäß erhöhte Anforderungen an die Pädagogen verbunden. Sie sind es, die die Angebote sichten und auf ihre Tauglichkeit als Sprungbrett auf dem Weg in die anspruchsvolle Literatur prüfen müssen.
Literatur u.a:·
Eggert, Hartmut & Garbe, Christine (2003): Literarische Sozialisation. 2.,aktualisierte Aufl. Stuttgart u. Weimar: Metzler.·
Garbe, Christine (2003): Mädchen lesen andere(e)s. Für eine geschlechterdifferenzierende Leseförderung. In: JuLit. Informationen des Arbeitskreises für Jugendliteratur. H. 2, S. 14 29.
Groeben, Norbert/Hurrelmann, Bettina (Hgg.) (2004): Lesesozialisation in der Mediengesellschaft. Ein Forschungsüberblick. Weinheim: Juventa.
Kliewer, Annette/Schilcher, Anita (Hgg.) (2004): Neue Leser braucht das Land! Zum geschlechterdifferenzierenden Unterricht mit Kinder- und Jugendliteratur. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Müller-Walde, Katrin (2005): Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können. Mit 50 Lesetipps von Jungs für Jungs. Frankfurt/M. u. New York: Campus.Planung und Konzeption einer Veranstaltung zur geschlechtsspezifischen Leseförderung.
Die voranstehenden Überlegungen waren grundlegend für die Konzeption des Welttagsprogramms, wie es von der Verfasserin am Gymnasium Veitshöchheim entwickelt wurde. Die Bedeutung einer geschlechtsspezifischen Leseförderung in das Bewusstsein einer ganzen Schule zu heben, das ist ein nicht gerade einfaches Unterfangen. Zwar wird die Leseförderung auch auf kultusministerieller Ebene immer wieder als Aufgabe postuliert, dennoch sieht man an der Basis vorwiegend das Fach Deutsch in der Pflicht, wenn es um die Umsetzung solcher Verlautbarungen geht. Ein Blick auf die Fachschaft Deutsch zeigt dann wiederum, dass man vielfach noch zu sehr damit beschäftigt ist, den Erfordernissen bei der Umstrukturierung des neuen G8-Lehrplans nachzukommen, als sich auf vermeintlichen Nebenschauplätzen wie der Leseförderung abzumühen. Dass die Klagen über den Leistungsstand unserer Schülerinnen und Schüler ihre Ursache nicht selten in den mangelnden Lese- und Verstehensleistungen haben, wie Studien der Kommunikations- und Medienwissenschaft immer wieder belegen, wird dabei gerne übersehen. Dennoch kann es gelingen, eine Schulgemeinschaft für eine Großveranstaltung zur geschlechtsspezifischen Leseförderung zu gewinnen.
Folgende Aspekte wurden bei Planung und Konzeption der Veranstaltung „Lesen istmännlich?!“ bedacht:
Im Vorfeld musste es Ziel sein, die Beteiligten für die Thematik zu sensibilisieren.In unserem Fall wurde versucht diesem Anspruch neben zur Verfügung gestelltem Hintergrundmaterial durch eine von der Projektinitiatorin geleitete Regionalen Lehrerfortbildung mit dem Titel „Ist Lesen männlich?' - Geschlechtsspezifische Leseförderung“ zu genügen.
Als Referentin konnte die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Margit Böck Universität Salzburg) gewonnen werden, die für das Österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ein dreiteiliges Projekt zur geschlechtersensiblen Förderung der Lesemotivation durchgeführt hat (Gender &Lesen 2007, Förderung der Lesemotivation 2008, Praxismappe Lesen 2009;www.bmukk.gv.at) und u.a. für das Nationale Zusatzprogramm „Lesegewohnheiten, Lesesozialisation und Leseförderung im Rahmen der OECD verantwortlich ist. Sie machte mit Ansätzen der Genderforschung vertraut undschärfte den Blick für einen erweiterten Begriff literarischen Handelns.u Eine Begegnung mit Literatur verspricht dann besondere Nachhaltigkeit, wenn sie eine Begegnung mit den Produzenten der Literatur selbst, den Autorinnen und Autoren, ermöglicht. Infolgedessen beschäftigten sich einzelne Klassen im Vorfeld bereits mit den Werken der zum Welttag geladenen Autoren (Susanne Clay, Michael Pfrommer, Alexander Rösler, Torsten Siche, Andreas Venzke).
Um ein breitgefächertes Angebot an Lesecafès bereitzustellen, in denen nicht nur vorgelesen, sondern auch über die Texte diskutiert sowie Leseinteressen und-gewohnheiten der Teilnehmer reflektiert werden sollen, war Folgendes unerlässlich:
1. Auswahl von Autoren und Autorinnen, die mit ihren Stoffen gerade auch Jungen ansprechen
2. Einbindung von Schülervätern, die gleichsam als Vorleser und Vorbilder in Erscheinung treten
3. Erweiterung des Vorleserkreises um Lehrkräfte aus den naturwissenschaftlichen Fächern, die von vielen Schülern/-innen von Haus aus weniger als Leserwahrgenommen werden.
Nach einer Phase des eher reflektierenden-ästhetischen Genusses in den Lesecafés sollten die Schülerinnen und Schüler in den unterschiedlichsten Workshops Gelegenheit haben, sich mit Gegenständen, die in irgendeiner Weise mit dem Lesen, dem Medium Buch zu tun haben, selbsttätig auseinanderzusetzen.
Zum Ablauf der Welttagsveranstaltung
Eröffnet wurde die Welttagsveranstaltung mit dem Schiller-Song der Wise Guys,in dem durchaus darauf hingewiesen wird, dass Lesen gut tut, doch der Klassiker inpointierter Weise als Inbegriff deutscher Lei(d)tkultur gebrandmarkt wird. Auf diese Weise ergab sich eine zwanglose Überleitung zum Welttag selbst, der nicht mit 'verstaubten Klassikern' aufwartete, sondern mit zeitgemäßer attraktiver Literatur für Heranwachsende.
An der sich anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema Rahmenthema „Lesen ist männlich?!“ nahmen neben dem Leitenden Redakteur der Lokalzeitung,einem Sprachwissenschaftler, drei Autoren und der Schulleiter teil. Moderiert wurde die Diskussion aus einem Tandem von Schülersprecher und Kollegstufensprecherin,die wohlpräpariert mit den neuesten Erkenntnissen der Leseforschung den Podiumsteilnehmern auf den Zahn fühlten
Die Literatur selbst kam in den darauffolgenden Lesecafés zu ihrem Recht, die bewusst eine Länge von 30 Minuten nicht überschritten, um das Aufmerksamkeitspotential der jugendlichen Zuhörerschaft nicht zu überstrapazieren und genau das zu erreichen, was eigentlich das Ziel dieser Begegnung mit Texten sein sollte: Appetit auf Mehr machen.Vorgesehen war zudem im Rahmen der Lesecafés die Möglichkeit des Austauschs über den vorgelesenen Text, Literatur im Allgemeinen und die Lesegewohnheiten des Vortragenden und der Zuhörer im Besonderen zu geben. Eine Verzahnung mit dem im Herbst 2008 ins Leben gerufene Lesescout-Projekt des Gymnasiums lag in diesem Zusammenhang nahe: Somit übernahmen die Lesescouts unseres Gymnasiums eine tragende Rolle, indem sie die Lesecafés betreuten und die Diskussion in Gang brachten. Sie waren es auch, die am Ende die eigens für die Mitwirkenden als Anerkennung angefertigten Urkunden überreichten.u Die sich daran anschließende Workshop-Phase war naturgemäß dem produktionsorientierten Ansatz verpflichtet und bediente u. a. vor allem die Interessen der Heranwachsenden an Realien, informations- und kommunikationstechnologischen Möglichkeiten und (audio)visuellen Medien.Besonders motivierend war hierbei z. B., dass ein im Rahmen des Workshops „daily-X“, der Jugendseite der Lokalzeitung, geführtes Interview mit der Autorin Susanne Clay wenige Tage nach der Veranstaltung veröffentlicht wurde.
Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass Schülerinnen und Schüler die Lesecafés und Workshops, die sie am Welttag des Buches besuchen wollten, im Vorfeld über die Homepage der Schule selbst wählen konnten. Dieses Einbinden der Zielgruppe in Entscheidungsprozesse dürfte für die Akzeptanz der Veranstaltung und die positive Resonanz am Ende nicht unerheblich gewesen sein.
Jutta Merwald Veitshöchheim, 26.04.2010ProjektinitiatorinGutachterin im Leseforum Bayern-Fachreferentin für Deutsch beimMinisterialbeauftragten für die Gymnasien in Unterfranken
Gedruckt von: http://virtuelle-schule.de.html